Dirk Hessel

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Es geht bei der sogenannten Befreiung nicht darum, dass eine Person [Vorname, Name] etwas erkennt. Ein Ich kann weder erwachen noch etwas erkennen, denn es ist nur ein Gedanke. Du jedoch, das eine Leben, kannst dich aus der Vorstellung befreien, nur ein begrenztes Ich zu sein.

Lasse die Person mit all ihren angesammelten Erfahrungen los. Sie ist nur eine von dir gesteuerte Figur in deinem eigenen Spiel. Du hattest diesen Körper samt Namen zu lieb gewonnen und zu ernst genommen. Du hast dich selbst in dieser Form »hypnotisiert«, um herauszufinden, was du nicht bist. Wenn die Illusion, nur eine begrenzte Form zu sein, entfällt, kannst du erfahren, was du bist. 

Dieser Körper, diese Gedanken, Erfahrungen und Gefühle werden sich auflösen. Das ist der Tod des Ich, der Person. Alles was hier erscheint, verschwindet wieder. Doch das eine Leben, die höchste Intelligenz, bleibt unberührt und zeitlos bestehen. Das bist du.

Häufig suchen wir nach Glück in der Zukunft und bemerken dabei nicht, dass auch dieser Wunsch nichts weiter als ein festes, gedankliches Konstrukt ist, das wir schon lange mit uns herumtragen. Es liegt wie ein undurchdringlicher Deckel über unserem natürlichen Gefühl, mit allem verbunden zu sein. Wünsche – egal welcher Art – ziehen uns aus der Gegenwart heraus in eine gedankliche Fantasiewelt, die sich in einer Zukunft abspielt. Wenn klar wird, dass wahre Zufriedenheit nur im jetzigen Moment sein kann – wo auch sonst? – können die Wünsche gehen. Sei hier und jetzt da, mit allen Facetten wie Trauer, Freude, Gereiztheit oder Liebe. Akzeptiere und fühle, was genau jetzt in diesem Moment ist. Höre auf zu kämpfen. Ich spreche von Gegenwärtigkeit und innerer Freiheit. Das ist das größte Glück, das du je haben kannst, und es kennt kein Gegenteil.

Du bist das Leben und es hat sich als »dich« erschaffen, genauso wie es sich als alles andere erschaffen hat. Natürlich existiert keine Trennung zwischen »dir« und »dem Anderen«. Alles geschieht in untrennbarer, einheitlicher Verbundenheit. Es gibt nur die zeitlose Gegenwart, daher gibt es weder Ursache noch Wirkung – und keine sogenannte Moral. Es ist, wie es ist. Daraus folgt: Du bist absolut unschuldig. Alles ist unschuldig, denn es geschieht, wie es geschieht. Es gibt keine Schuld. Niemand hatte Schuld, hat Schuld oder wird jemals Schuld haben können. Du bist unschuldig und frei, genauso wie deine Nächsten. In Erkenntnis sind sie dir noch näher: Sie sind in ihrem Wesen dasselbe wie du. Vergib dir und »ihnen« und spüre, dass ihr eins seid. Jetzt.

Angenommen, du wärst schon lange auf der Suche, hättest viele Bücher gelesen, viele Seminare besucht, doch ein spiritueller Durchbruch, was auch immer das für dich bedeuten mag, ist noch nicht erfolgt. Viele Aussagen, die du bisher gehört hast, widersprechen sich und ein einheitliches Bild stellt sich nicht her.

Angenommen, du entscheidest dich nun dafür, alles, was du jemals gelernt hast oder zu wissen meintest, für eine Weile über Bord zu werfen und dem Unbekannten die Chance zu geben, in deinem Leben aufzutauchen. Du weißt nicht, was auf dich zukommt, doch deine Bereitschaft, dich in unbekannte Gewässer zu begeben, ohne Anker und Rettungsring, wird größer.

Angenommen, dir kommt die Idee, dass alles wahre Wissen und jede Erkenntnis auch in dir vorhanden sein muss, weil du mit allem verbunden bist und alles eins ist. Alle Stimmen aus dem Außen und alle eigenen Vorstellungen dürfen für eine Weile still sein. In dir wächst der Verdacht, dass die einzig wahre Autorität dein eigenes Selbst ist, der Urgrund allen Seins, dem du vertrauen kannst. Selbstvertrauen entspricht dem Vertrauen zum Selbst, zu dem, was du in Wahrheit bist, aber nicht zu dem, was du vielleicht bisher zu sein glaubtest – ein kleines Ich.

Angenommen, du setzt dich jeden Tag für ein paar Minuten hin, in dem Vertrauen, dass das Leben dir alles an Erkenntnis bereitstellt, was du benötigst. Dir würde irgendwann auffallen, dass alles, was gedacht wird, einfach so aus dem Nichts erscheint. Alle Gedanken, Emotionen und Bilder tauchen einfach so auf. Es ist so, als ob du alles wie ein stiller Zeuge beobachten kannst. Vielleicht erscheint dann ein Gedanke, der begründen will, woher das innere Erscheinen stammt. Doch wenn du aufmerksam genug bist, kannst du erkennen, dass auch diese Begründung, egal wie wahr oder logisch sie klingt, einfach nur so aus dem Nichts erscheint. Auch das Ich ist nur ein Gedanke.

Angenommen, du erkennst durch stille Selbsterforschung, dass auch Vergangenheit und Zukunft nur geistige Konzepte sind, die jetzt im Bewusstsein erscheinen. Dann bliebe nur noch die Gegenwart als einzige Wirklichkeit übrig.

Angenommen, du könntest akzeptieren, dass es nur die Gegenwart gibt, den jetzigen Moment. Gäbe es dann noch »Zeit«? Wo ist die Zeit jetzt? Und wenn es keine Zeit gibt, gibt es dann noch Ursache oder Wirkung? Ist irgendwann etwas geschehen, oder es ist nur eine geistige Vorstellung samt aller sogenannten Erinnerungen und Gefühle, die einfach so im Jetzt auftauchen? Wäre das nicht ein fantastisches Spiel?

Angenommen, es wäre so – wie würde sich deine Haltung zum Leben und zu deinen Mitmenschen ändern? Was würde entfallen, was würde bleiben? Was bist du?

Das eingebildete Ich, das Ego, will immer recht behalten. Auf diese Weise führt es sich Energie zu, stärkt sich und grenzt sich weiter gegen »die anderen« ab. Das Resultat ist nicht nur ein Gefühl des Alleinseins, sondern, was noch viel tragischer ist, die Illusion, sich ständig durchsetzen oder gegen etwas verteidigen zu müssen. Doch Verteidigung ist dasselbe wie Angriff, da ein Verteidigungsgedanke immer die Unterstellung beinhaltet, von außen angegriffen zu werden. Dies ist der erste aggressive Gedanke. Um einen vermeintlichen Angriff zu verhindern, greift man vorauseilend selbst an und hält dieses Verhalten für gerechtfertigt. Das Resultat ist Gereiztheit, Streit und Kampf, bis hin zu Krieg, Terror und Zerstörung. Es ging im menschlichen Dasein und dessen Konflikten noch nie darum, was die richtige Anschauung oder die richtige Religion ist. Immer steht hinter aggressivem Verhalten ein pseudocleveres Ich, das anders sein muss als »der Rest«, um sich selbst als eigenständige Einheit wahrnehmen und so überleben zu können. Religionen machen keine Kriege. Das »Ich weiß es besser« ist der einzige Kriegsstifter. Und das kollektive Ich, sozusagen die davon aufgeblasene Form innerhalb einer Gruppierung, Landes- oder Glaubensgrenze, verstärkt es immens.

Finde heraus, was du wirklich bist, und dass nichts von irgendetwas anderem getrennt ist, und die Konflikte mit dem Leben finden ein Ende. Würden die Menschen sich nach innen orientieren und sich nicht nur an Schriften, überlieferte Traditionen oder gesellschaftliche Normen halten, könnten sie das Eine entdecken, die einheitliche Essenz des einen Lebens, das alles hervorbringt. Dann gibt es keine trennenden Anschauungen mehr und Frieden kann sein.

Die Menschheit braucht nicht mehr Intelligenz. Sie braucht dringend mehr Bewusstheit.

Nach persönlichen und kollektiven Tragödien kommt vielleicht Angst, Ohnmacht, Wut und die Frage nach dem Sinn des Geschehens auf. Wieso lässt das Leben/das Sein/Gott das zu? Häufig ist es schwer oder unmöglich, einen Sinn in einem Unglück zu entdecken oder tröstende Worte dafür zu finden. Aber es gibt eine Betrachtungsweise, die uns dabei helfen kann, zu der bereits bestehenden Situation nicht noch zusätzliches Leid hinzuzufügen. Unglück, Terror und Leid hat es in dieser Welt schon immer gegeben. Auf einen »Übeltäter« folgt ein »Wohltäter«, auf einen »glücklichen« Moment folgt ein »unglücklicher« Moment und auf eine »Katastrophe« folgt ein »segensreiches« Geschehen. Natürlich geschieht das gleichzeitig, in jeder möglichen Reihenfolge und keiner ersichtlichen Ordnung unterliegend. Alles geschieht so, wie es geschieht. Die Beurteilung in »gut oder schlecht« wird nur vom menschlichen Verstand hinzugefügt. Das Leben selbst beurteilt nicht und liebt alles. Um es etwas bildhafter auszudrücken: Die Sonne scheint auf jedes Geschehen herab, egal wie wir Menschen es beurteilen.

Auf dieser Ebene des Daseins erstreckt sich das Leben so wie elektrischer Strom, der zwischen zwei Polen fließt. Gäbe es nur Harmonie oder sogenanntes Glück, würde alles in sich zusammenfallen. Die Spannungsbreite des Lebens würde verschwinden, es hätte seinen Antrieb verloren und wäre überflüssig. Vielleicht sind diese Worte nur schwer zu akzeptieren, und du glaubst, ich wolle sagen, der Sinn des Lebens sei es, zu leiden. Das ist natürlich nicht so. Der Sinn des Lebens ist die volle Teilnahme daran und beinhaltet alle Erscheinungsformen. Warum gibt es das so genannte Schlechte auf der Welt; warum gibt es das so genannte Gute auf der Welt? Meine Antwort darauf lautet: Warum nicht? Es ist wie es ist, und es ist nicht zu ändern. Wir Menschen sind nicht die Regisseure. Das Leben ist der einzige Regisseur, und warum das Drehbuch so und nicht anders aussieht, ist ein Mysterium. Das eine Leben erscheint jeden Tag in Billionen Varianten. Deshalb kann man vermuten, dass sich das Leben in vielfältiger Weise selbst erfahren will. Und offensichtlich tut es das auch, ob es uns so gefällt oder nicht.

In traurigen Fällen ist es hilfreicher, die Situation zunächst zu akzeptieren wie sie ist, also dem Ganzen zunächst ein Ja zu geben. Wir sollten dem Leben gegenüber keinen Widerstand leisten, auch wenn es manchmal extrem schwer fällt. Und nach diesem Ja kann man sich sofort fragen: »Was kann ich jetzt Konkretes und Hilfreiches tun?« Dieses Verhalten drückt bewusstes Dasein aus und verhindert das Hinzufügen von noch mehr dramatischen und leidvollen Gedankengeschichten zu der bereits bestehenden Situation. Mit dieser inneren Haltung verneinen oder verdrängen wir nicht das, was bereits ist. Wir akzeptieren und respektieren es. So öffnen wir uns der größeren Kraft in uns, die uns nicht lähmt, sondern konstruktiv handeln lässt und uns auch durch schwere Zeiten führen kann. Wir können jetzt trauern, jetzt handeln und jetzt leben. Und das am besten mit einer guten Portion Bewusstheit.

Neulich ging ich mit dem Hund spazieren, und währenddessen wurde es mir erneut klar: Alles läuft richtig. Das Leben gestaltet sich genauso, wie es das tut, und nicht, wie ein Ich das möchte. Jederzeit kommen neue Herausforderungen, neue Überraschungen, vielleicht ein Unwohlsein oder eine tiefe Freude, die von nirgendwo her aufzusteigen scheinen. Äußere Geschehnisse und innere Gefühle erscheinen einfach so im bunten Wechsel. Wer bin also ich, der das verhindern könnte? Wir sind Teil des Lebens, ein integraler Bestandteil des einen Seins, inklusive dieses Körpers, dieses Gefühlslebens und inklusive eventuell auftauchender Widerstände gegen alles Mögliche, was das Leben uns zur Zeit bietet.

Nur das »Schöne« ist hier nicht zu finden, und die Suche danach wird zwangsläufig zu Frustration und einem Gefühl von Hilflosigkeit führen. Wir bekommen immer das ganze Paket geliefert und nicht nur die Hälfte. Genau diese Vielfältigkeit ist die Fülle des Lebens. Alle spirituellen Theorien beiseite gelassen, ist bei genauem Hinsehen eines vollkommen klar: Das Leben lebt uns und wir nicht das Leben. Du lebst nicht dein Leben, sondern das Leben lebt sich. Der Ozean gestaltet alle Wellen, genauso wie alle Wellen die Oberfläche des Ozeans gestalten. Doch die Energie, die Form, der Antrieb und die Richtung der Wellen werden vom Ozean bestimmt. Ist die Welle wieder verschwunden, bleibt der Ozean bestehen. Das Gute daran ist, dass du der Ozean bist und nicht die Welle. Allerdings kommt dir das wahrscheinlich meistens andersherum vor. Aber das macht nichts, denn es gehört zum Spiel des Lebens dazu.

Jede Empörung, jede Wut, jedes Aufbegehren und jeder Widerstand hat seinen Platz im allumfassenden Leben, weil es alles willkommen heißt. Und doch ist es hilfreich zu erkennen, dass alle Dinge und Situationen, die wir als unangenehm beurteilen, bereits vom Leben erzeugt und akzeptiert sind. Sonst würden sie nicht in Erscheinung treten. Es ist also schon alles akzeptiert; macht es da noch Sinn, sich dagegen zu wehren? Wenn Widerstand erscheint, ist das okay. Dann hilft vielleicht die Haltung: »Ja, ich fühle, dass ich Widerstand gegen dieses oder jenes habe.« So kann sich der Widerstand in Akzeptanz verwandeln, oder zumindest bildet unser Erkennen einen friedlichen Hintergrund zu unserem inneren Unfrieden. Was sich hier anhört wie ein Paradox, ist die widerspruchsfreie Beschaffenheit des Lebens in allen Facetten.

Hingabe, endlich einmal schwach genug sein, damit man sich gegen auftauchende Gefühle und unangenehme Lebenssituationen nicht mehr wehren kann. Wenn das geschieht, erweist sich vermeintliche Schwäche als Flexibilität und enorme Stärke. »Ich kann das hier nicht mehr ertragen!« Das sagst oder denkst du vielleicht manchmal. Aber du kannst es ertragen, weil du es schon jetzt erträgst. Wenn das nicht so wäre, würdest du in Ohnmacht fallen oder vielleicht sterben. Und hier zeigt sich, was es mit der Weisheit »Wer Angst vor dem Leben hat, hat auch Angst vor dem Sterben« auf sich hat. Das unbändige Leben zeigt sich im Außen und in deinem Inneren in allen Varianten. Der wilde Wechsel wird niemals aufhören, egal, wie bewusst, erwacht oder erleuchtet wir zu sein glauben.

Also was bleibt uns übrig? Zu akzeptieren, dass alles so erscheint, wie es erscheint. In diesem Moment ist es so, im nächsten Moment ist es anders. Wir können keinen Teil des Lebens ausschließen, im Glauben, er gehöre nicht dazu. Wenn Stress, Unzufriedenheit und Hilflosigkeit auftauchen, macht uns das Angst, und wir wollen diese Gefühle schnell wieder loswerden. Doch die Abwehr verstärkt diese Gefühle noch. Das unkontrollierbare Leben verunsichert, lässt uns manchmal hilflos und wütend fühlen, und unser Ich bekommt Todesangst. Und so gleicht die Angst vor dem Leben der Angst vor dem Tod. Aber Gefühle können dich nicht umbringen, und das, was du in Wahrheit bist, schon gar nicht, weil es diese Gefühle selbst erschafft. Du bist das allumfassende Leben, das alle auftauchenden Inhalte erzeugt, erträgt und akzeptiert. Du fühlst dich manchmal gereizt oder hilflos? Na und? Auch das geht vorüber und dann kannst du konstruktiv handeln, falls nötig. Akzeptiere, was ist, und erkenne, dass du nicht hilflos BIST, sondern dich nur hilflos FÜHLST. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Du bist das vielfältige, unvergängliche und zeitlose Leben. Und weil es keine Fehler macht, ist alles richtig.

Auch wenn wir meist glauben, eine Wahl zu haben oder frei zu entscheiden, so beruht doch jede unserer Entscheidungen auf den in uns konditionierten Gegebenheiten. Wenn wir die Bewegungen unseres Geistes beobachten, also das, was gedanklich in uns vorgeht, können wir feststellen, dass immer die gleichen Muster aktiv sind. In uns tauchen Gedanken, Bilder und Gefühle auf, die uns im Außen zu bestimmten Reaktionen verleiten.

Im Laufe unseres Lebens sammeln wir viele Erfahrungen und speichern sie als Erinnerungen in unserem Gedächtnis ab. Diese Erinnerungen formen zusammen ein gedankliches Gebilde, das sogenannte Ich. Es beinhaltet Erfahrungen, Abneigungen, Zuneigungen, Urteile, gelerntes Wissen, Emotionen usw., und reagiert dementsprechend ohne jede Wahlmöglichkeit auf Geschehnisse der Außenwelt. Wären wir in einem anderen Land geboren, mit anderen Eltern, mit einer anderen Sozialisation, mit anderen Glaubensmustern und einer anderen politischen und wirtschaftlichen Umgebung, sähe unsere innere Konditionierung anders aus. Dann würden wir gemäß dieser ineinander verschränkten Gedankenmuster fühlen und agieren. Eine echte Freiheit existiert nicht, zumindest so lange nicht, bis uns unser Innenleben bekannt wird und wir erkennen können, was dort abläuft.

Doch weil wir es meist interessanter finden, auf das Geschehen der Welt zu reagieren, anstatt in uns selbst nachzuforschen, warum wir so reagieren, fühlen wir uns häufig wie ein kleiner Spielball, der von den Wellen des Lebens hin und her geworfen wird. Dazu kommt eine diffuse Angst vor dem Unbekannten, also vor dem, was sich möglicherweise unter unseren vertrauten Reaktionsmustern verbirgt. Weil in einer wohlständigen Gesellschaft oft Einiges auf halbwegs erträglichem Mittelmaß verläuft, nehmen wir den Rest des Lebens mit einer stoischen Abgestumpftheit hin. »Es könnte ja noch schlimmer sein.« So denken wir häufig. Auf diese Weise bleibt uns der wahre Schatz des Lebens, nur zu sehen mit einem frischen, neuen und unbelasteten Geist, verborgen. Aus Furcht vor dem Neuen gehen wir schon seit Kindheit an einen schlechten Tauschhandel ein. Wir tauschen echte geistige Freiheit gegen ein wirres Geflecht an inneren Mustern und Vorstellungen.

Um wirklich herausfinden zu können, wie es in uns bestellt ist, benötigen wir die Einsichtsfähigkeit, dass innerer Wandel zwingend notwendig ist, wenn man sein eigenes Leid und das daraus resultierende Leid der Menschheit beenden will. Um zu illustrieren, was genau mit diesen Worten gemeint ist, gebe ich ein Beispiel für Gedankenmuster, die uns täglich bewusst oder unbewusst begleiten und steuern. Bei der kommenden Betrachtung zum Thema »haben wollen« ist grundlegende Ehrlichkeit sich selbst gegenüber Voraussetzung.

Die Menschen streben ständig nach mehr. Entweder wollen sie mehr Macht, mehr Geld, mehr Sex, mehr Anerkennung, mehr Tugenden, mehr Spiritualität, mehr Heiligkeit, mehr Askese, mehr Demut oder sonstigen idealisierten Unfug, den sich ein menschlicher Verstand ausdenken kann. Wir vergleichen uns mit anderen Menschen, mit Situationen oder Vorstellungen, die in uns als Erfahrungen, Überzeugungen, Ideale und innere Bilder abgespeichert sind. Darüber sprach ich bereits vorhin. Durch diesen Vergleich entstehen insbesondere Neid, Gier, Widerstand, Missgunst und Eifersucht, die auf alle Lebenssituationen bezogen, bewusst oder unbewusst, ihre Wirkung zeigen.

Hat jemand etwas anderes oder gibt es etwas anderes, das ich auch haben will, treibt uns die geistige Bewegung des Neides an. Der Neid möchte immer mehr haben, egal von was und egal, wie moralisch oder tugendhaft es scheint. Wenn ich nicht haben möchte, was das Leben mir anbietet, befinde ich mich im Widerstand. Das ist eine andere Form der inneren Energieverschwendung, denn auch hier akzeptiere ich nicht das, was ist, sondern es soll anders sein. Mein Wunsch ist es, die Realität zu meinen Gunsten zu verbiegen. Möchte ich etwas haben, was mir besonders gut gefällt, beispielsweise eine Person, Sex, Alkohol, Geld, Macht oder Nahrung, ist die geistige Bewegung der Gier am Werk. Mehr, mehr, mehr. Wenn ich nicht will, das jemand anderes das hat, was er hat oder das ist, was er zu sein scheint, bin ich missgünstig. Ich vergleiche mich mit dieser Person oder Situation, fühle mich unterlegen, weiß nicht, was ich dagegen tun soll und will deshalb, dass dem Anderen dessen zusätzliches »Mehr« genommen wird. Habe ich es endlich geschafft, etwas in meinen Besitz zu bringen, fühle ich mich durch dieses zusätzliche Mehr vergrößert und wichtiger. Das will ich nicht mehr hergeben und wehe, jemand rührt es an. Das ist meins. Die Person gehört mir, meine Partnerin oder mein Partner, mein Besitz, meine Anerkennung, mein Posten usw. Auf irgendetwas im Außen klebe ich das Etikett »meins« und das soll für immer so bleiben.

Wie bereits erwähnt, ist hier Offenheit notwendig, denn nur dann können wir sehen, dass diese gedanklichen Strömungen in uns jeden Tag ihr unheilvolles Werk verrichten, uns in einer kleinen geistigen Welt gefangen halten und unsere Beschränktheit in die Welt projizieren. Und dann schränkt uns die äußere Beschränkheit wieder ein: Etwas Bestimmtes geschieht, und wir reagieren darauf wie ein verrückter Automat. So haben wir uns innen und außen ein Gefängnis erschaffen, das sich höchstens durch die Farbe der Tapeten unterscheidet.

Das Vergleichen und der daraus resultierende Neid durchziehen unser ganzes Leben. Wenn wir jedoch urteilsfrei darauf schauen können, haben wir die Möglichkeit, dass sich diese quälenden Gedankenmuster auflösen. Wir lehnen sie also nicht ab, wie akzeptieren sie aber auch nicht, denn dann würden wir in ein abgestumpftes »So ist das eben und ich kann auch nichts daran ändern« verfallen. Die geistige Enge würde bleiben, selbst wenn es so aussieht, als ob wir nun der bewussteste Mensch der Welt wären.

Mit diesem Wissen können wir nun neugierig und mit einer undogmatischen Unsicherheit hinschauen und erkennen, was uns wirklich steuert. Nur so haben wir die Möglichkeit, geistig frei zu werden und dann die Welt mit klarem Blick zu sehen. Unsere Reaktionen werden sich grundlegend ändern, und dafür brauchen wir uns keine weiteren moralisch oder spirituell »wertvollen« Konzepte zurechtzulegen. Wir agieren und reagieren auf einfache und natürliche Weise. Freie Handlungen erzeugen ein gesundes Umfeld. Wir müssen bei uns selbst anfangen, weil wir alle zusammen die Menschheit bilden. Wahre Veränderungen und echte Freiheit können nur von uns selbst ausgehen.

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