✧ Texte ✧

✧ Herzensrat ✧

Alle Formen kommen und gehen. Auch du als menschliche Form wirst bald wieder gehen. Deshalb öffne dich für diesen Herzensrat: Mache keine Umwege mehr, sondern richte deine Aufmerksamkeit jetzt auf das, was unter deinen Gedanken, Gefühlen und deinem Glauben liegt: dein unsterbliches Selbst, das reine Sein. Du strahlst zeitlos still, erschaffst und erleuchtest die vergängliche Welt. Nur die Verwirklichung deiner wahren Natur erzeugt Ruhe, dauerhafte Stabilität und Liebe.

✧ Der Anführer ✧

In Krisenzeiten neigen Menschen vermehrt dazu, politische und gesellschaftliche Anführer zu wählen, die herrische Charaktereigenschaften und Ziele haben. Doch aufgrund ihrer Persönlichkeitsstruktur sind diese Anführer nur selten in der Lage, wirklich für andere Menschen da zu sein. Vielmehr steht hier ein großes Ego vor anderen Egos, das sie dazu bringen will, ihn (oder sie) zu wählen. Die Grundmotivation beider Seiten ist Angst, denn Angst ist die Hauptsubstanz des illusionären Ichs. Viele Menschen haben Angst vor der Zukunft, ohne zu erkennen, dass eine Zukunft nicht existiert, außer in gedanklichen Vorstellungen. Das ist das Ego. Es kann mit der Gegenwart nichts anfangen, weil es sich über Gedanken definiert, die sich hauptsächlich auf Vergangenheit und Zukunft beziehen. Aber weil alle Gedanken flüchtig sind, fühlt sich die Person ständig wackelig, angreifbar und ängstlich.

Auf der Seite des »starken Anführers« ahnt das Ego ebenfalls um seine Seifenblasenhaftigkeit. Was in Zeiten solcher Wahlkämpfe geschieht, ist klar: Angst wählt Angst, oder noch deutlicher ausgedrückt: Der eine Wahnsinn wählt den anderen Wahnsinn und damit sich selbst. Das Gegenteil von Angst ist Liebe. Das eine Leben, das es nur gibt, ist Liebe zu sich selbst. Leben und Liebe sind ein und dasselbe und wollen sich ausweiten, denn Ausweitung ist die Essenz des Lebens. Das Leben hält nichts zurück, es will nichts zusammenhalten oder alte Werte bewahren. Das Sein, das eine Leben, konfiguriert sich ständig in der zeitlosen Gegenwart um und ist nicht konservativ. Veränderung ist der Kern des Daseins.

Unser Ego agiert in entgegengesetzter Weise. Es will seine brüchigen Fragmente zusammenhalten, die kleinen Habseligkeiten und den Status bewahren, und hofft, dass alles möglichst lange so bleibt. Die Folgen davon sind im Großen wie im Kleinen Ausgrenzung, Vorurteile, Hass, Ablehnung, Standesdünkel und Protektionismus. Sich vor etwas schützen zu wollen, bedeutet, sich vor dem Leben schützen zu wollen. Aber das ist nicht möglich, denn das Leben lebt so, wie es will und nicht, wie ein kleines Ich es will. Das Leben hat uns erschaffen und nicht umgekehrt. Wenn der »kleine Mann« (den es natürlich nicht gibt) den »großen, starken« Mann wählt, gibt es eine Gemeinsamkeit, die jenseits von materiellem Vermögen oder intellektueller Bildung liegt: Es ist die Angst des Ego vor Verlust und der eigenen Auflösung. Dieses Grundmuster ist in den meisten Menschen so stark, dass es sich gegenseitig anzieht. Doch ein Ego kann ein anderes Ego nicht verstehen, es kann nicht klar sehen oder mitfühlen. Unbewusstheit kann weder Unbewusstheit noch Bewusstheit erkennen. Unbewusstheit erkennt nichts. Sie ist blind und agiert entsprechend. Leid erzeugt weiteres Leid, und so wird aus dem Traum des Lebens ein Albtraum.

Mit Glück wird das Leid manchmal so groß, dass ein Bruch in die Egoschale kommt und etwas mehr Licht durchscheint. Dann wird plötzlich erkannt, dass alles nur das Spiel des Lebens ist und man vor nichts Angst zu haben braucht. Wenn wir die Bereitschaft entwickeln, unsere wahre Natur zu entdecken und nicht mehr auf unsere Egospielchen hereinzufallen, entscheiden wir uns gegen Angst und Zusammenziehung und für Ausweitung, Veränderung und Durchmischung. Sobald wir das eine unangreifbare und zeitlose Leben als unsere eigene Essenz erkennen, brauchen wir uns nicht mehr zu fürchten. Wahrer Frieden beginnt im Inneren.

✧ Bewusstes Handeln ✧

Tue, was du tun willst, und es wird getan. Sage zuerst »Ja« zum jetzigen Moment und werde dann tätig, wenn es erforderlich ist. Das Ja-Sagen im Inneren, das Bestätigen und Akzeptieren einer vorliegenden Situation, kann nachfolgend auch ein klares »Nein« im Außen bedeuten. Entwickle zuerst die Haltung: »Okay, das ist jetzt so. Was mache ich jetzt damit?«

Bist dann du in einer Situation, die dir nicht gefällt und wo du etwas tun kannst, bleibe ruhig und sage: »Nein, das möchte ich nicht.« Mit dieser Haltung bist du aktiv, bekämpfst aber nicht die Gegenwart. Lautet deine spontane innere Haltung jedoch: »Das soll jetzt nicht so sein«, machst du es dir schwer, denn damit kämpfst du gegen das an, was bereits ist, und gerätst aus dem Gleichgewicht.

Der Unterschied zwischen diesen beiden geistigen Einstellungen mag gering erscheinen. Dennoch ist er für ein Leben in Ausgeglichenheit von enormer Bedeutung. »Ja, die Dinge geschehen. Und wie gehe ich jetzt damit um?« Das ist Akzeptanz und eine bewusste Haltung zum Leben.

(Auszug aus dem Buch »Erkenntnis«)

✧ Angenommen ✧

Angenommen, du wärst schon lange auf der Suche, hättest viele Bücher gelesen, viele Seminare besucht, doch ein spiritueller Durchbruch, was auch immer das für dich bedeuten mag, ist noch nicht erfolgt. Viele Aussagen, die du bisher gehört hast, widersprechen sich und ein einheitliches Bild stellt sich nicht her.

Angenommen, du entscheidest dich nun dafür, alles, was du jemals gelernt hast oder zu wissen meintest, für eine Weile über Bord zu werfen und dem Unbekannten die Chance zu geben, aufzutauchen. Du weißt nicht, was auf dich zukommt, doch deine Bereitschaft wird größer, dich in unbekannte Gewässer zu begeben, ohne Anker oder Rettungsring. 

Angenommen, dir kommt die Idee, dass alles wahre Wissen und jede Erkenntnis auch in dir vorhanden sein muss, weil du eins mit allem bist. Alle Stimmen aus dem Außen und alle alten Vorstellungen dürfen nun still sein. In dir wächst das Gefühl, dass die einzig wahre Autorität dein eigenes Selbst ist, der Urgrund des Seins, dem du voll vertrauen kannst. Selbstvertrauen entspricht dem Vertrauen zu dem, was du in Wahrheit bist, aber nicht zu dem, was du vielleicht bisher zu sein glaubtest – nur ein kleines Ich. 

Angenommen, du setzt dich jeden Tag in Stille hin, in dem Vertrauen, dass alles an Erkenntnis bereitgestellt wird, was du benötigst. Dir würde bald auffallen, dass alles, was gedacht, gefühlt und innerlich gesehen wird, einfach so aus dem Nichts erscheint. Das erfordert keinen Glauben, denn du kannst diesen Vorhang wie ein stiller Zeuge beobachten. Vielleicht erscheint dann noch ein Gedanke, der auf clevere Weise begründen will, woher die inneren Inhalte stammen. Doch wenn du aufmerksam genug bist, erkennst du, dass auch diese Begründung, egal wie logisch sie klingt, einfach so aus dem Nichts auftaucht. 

Wenn du zudem durch Selbsterforschung siehst, dass auch Vergangenheit und Zukunft nur geistige Konzepte sind, die jetzt im Bewusstsein erscheinen, bliebe nur noch die Gegenwart als einzige Wirklichkeit übrig. 

Und wenn es nur die Gegenwart gibt, den jetzigen Moment, gibt es dann noch »Zeit«? Wo ist die Zeit jetzt? Und wenn es keine Zeit gibt, gibt es dann noch Ursache und Wirkung? Ist dann irgendwann etwas geschehen, oder es ist nur eine geistige Vorstellung samt aller sogenannten Erinnerungen und Gefühle, die einfach so im Jetzt auftauchen und so tun, als ob ein Zeitablauf existiert? Das wäre ein beinahe unfassbares Spiel. 

Angenommen, das Spiel ist so – wie würde sich deine Einstellung zu dir selbst und deinen Mitmenschen ändern? Was würde entfallen, was würde dauerhaft bleiben? Was bist du?

(Auszug aus dem Buch »Der funkelnde Fluss«)

✧ Konflikte ✧

Das eingebildete Ich, das Ego, will immer Recht behalten und zieht fast deine gesamte Aufmerksamkeit auf sich. Auf diese Weise führt es sich Energie zu und grenzt sich weiter gegen die scheinbar Anderen ab. Das Ergebnis ist nicht nur dein Gefühl des Alleinseins, sondern, was noch viel tragischer ist, dein Irrglaube, dich ständig durchsetzen oder gegen etwas verteidigen zu müssen. Doch Verteidigung ist dasselbe wie Angriff, da ein Verteidigungsgedanke immer die Unterstellung beinhaltet, von außen angegriffen zu werden. Somit ist es der erste aggressive Gedanke.

Um einen vermeintlichen Angriff zu verhindern, greifen wir also vorher selbst an und halten dieses Verhalten für gerechtfertigt. Daraus folgen Streit und Kampf, bis hin zu Krieg, Terror und Zerstörung. Es ging im menschlichen Dasein und dessen Konflikten in Wahrheit noch nie darum, was die richtige Anschauung oder die richtige Religion ist. Immer steht hinter aggressivem Verhalten ein pseudocleveres Ich, das anders sein will als »der Rest«, um sich als eigenständige Einheit wahrnehmen zu können. Die Essenzen der Religionen machen keine Kriege. Das egoistische »Ich weiß es besser« ist der Kriegsstifter. Und das kollektive Ich, die davon aufgeblasene Form innerhalb einer Gruppen- Landes- oder Glaubensgrenze, verstärkt das Gefühl des Getrenntseins noch immens. 

Finde heraus, was du wirklich bist und die Konflikte finden ein Ende. Würdest du dich nach innen orientieren und dich nicht nur an Schriften, überlieferte Traditionen oder gesellschaftliche Normen halten, könntest du das Eine entdecken, das du selbst bist: das Leben, das alles hervorbringt. Dann gibt es keine trennenden Anschauungen mehr und Frieden ist. Die Menschheit braucht nicht mehr Intelligenz. Sie braucht dringend mehr Bewusstheit. Jetzt ist dein wahres Selbst gefragt. 

(Auszug aus dem Buch »Ein Leben ohne Ich«)

✧ Was bleibt ✧

Jede Freude, jeder empfundene Erfolg, jeder Stress und jedes Leid hängen auf dieser Daseinsebene vom menschlichen Körper ab. Doch der Körper ist nur eine von Billionen Formen, als die sich das Leben zeigt. Die Formen werden wieder zerfallen, der Körper wird sterben und alle damit zusammenhängenden Situationen, Dramen, Freuden und Errungenschaften lösen sich auf.

Doch du bist nicht nur der Körper, sondern viel mehr. Du bist das eine Leben, das alle Formen erschafft. Wenn diese Wahrheit in seiner Tiefe erkannt wird, wird vieles leichter, auch wenn sich das Loslassenmüssen von einer geliebten Person, Situation oder Sache manchmal anfühlt wie ein kleiner Tod. Bei bewusstem Umgang mit den unvermeidbaren Verlusten kannst du eines Tages plötzlich bemerken, dass du zwar traurig bist und trotzdem im Frieden mit dem, was gerade geschieht. Was vorher unvereinbar schien, ist jetzt eins.

Eines Tages wirst du alles loslassen müssen, was dir hier lieb und teuer ist. Doch das ist nicht das Ende. Für kurze Zeit bist du in dieser menschlichen Form hier. Nach dem Tod der Form lebst du als das eine Leben weiter. Was dann genau geschieht, kann ich nicht sagen. Offensichtlich ist nur, dass jetzt in diesem Moment etwas wirkt, das alle Formen erschafft, durch jede Form wirkt und über jede Form hinausgeht. Das bist Du. Es ist das »Ich bin das ich bin«. Bei dieser Einsicht handelt es sich um ein tiefes, fühlendes Erkennen, das mit dem Verstand nicht erfasst werden kann.

Das eine Leben meistert alles, wir als menschlicher Ausdruck davon meistern allein nichts. Wir werden als wundervolles Instrument gemeistert. Da ist weder ein getrenntes Du noch Ich noch Wir. Es gibt nur das Eine, das für eine Zeit lang ein Spiel erfunden hat, in welchem es seine wahre Natur vergisst und sich selbst vorgaukelt, viele verschiedene, unabhängige Individuen zu sein. Du erfährst dich in allen möglichen Varianten selbst, und zwar so lange, bis du genug erfahren hat. Dann erkennst du die verschiedenen Erscheinungen als Einheit wieder, akzeptierst und liebst sie.

Ein Gefühl von Frieden und Verbundenheit taucht auf, wenn das Spiel als Illusion erkannt wird und du als das eine Leben aus dem Traum erwachst, nur ein begrenzter Mensch zu sein. Jetzt bist du frei. Du brauchst nichts mehr in dieser Welt so wichtig zu nehmen und an nichts festzuhalten. Denn was es hier auch ist – es geht vorüber.

Das friedvolle und leuchtende Leben jedoch bleibt – das, was du wirklich bist.

✧ Unschuldig ✧

Es gibt nur die zeitlose Gegenwart, daher gibt es weder Ursache noch Wirkung – und keine Moral. Daraus folgt: Du bist absolut unschuldig. Alles ist unschuldig, weil es geschieht, wie es geschieht. Es gibt keine Schuld. Niemand hatte Schuld, hat Schuld oder wird jemals Schuld haben können. Du bist unschuldig und frei, genauso wie deine Nächsten, die du selbst erschaffen hast.

Du bist das Leben und hast dich auch als Person samt Namen erschaffen, genauso wie du auch alles Andere erschaffen hast. Aber es existiert keine Trennung zwischen »Dir« und »dem Anderen«. Alles geschieht in untrennbarer Verbundenheit. Alle Wesen sind viel mehr als nur deine Nächsten: Sie sind dasselbe Du. Vergib und verzeihe dir und ihnen alles, was in Wahrheit nie geschehen ist. Fühle, dass ihr Eins seid. Das ist wahre Liebe.

(Auszug aus dem Buch »Der funkelnde Fluss«)

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